Schärfefetisch

Schärfe wird überschätzt! Schlimmer noch: Schärfe wird im digitalfotografierenden Zeitalter gerne mal absolutisiert… Nun will ich gar keine Diskussion um „künstlerische Unschärfe“ anfangen, sondern nur mal ganz kühl rumrechnen, was beim so genannten Pixelpeeping passiert. …

Schärfe ist eine außerordentlich analoge Sache – auch bei Digitalfotos ist scharf oder unscharf kein 1-Bit-Wahrheitswert, sondern nur im Rahmen des „Gesamtprozesses“ zu bewerten! Ob ein Bild oder Teile davon als „hinreichend“ scharf wahrgenommen werden, hängt neben der gespeicherten fotografischen Abbildung auch von der Darstellungsgröße und dem Betrachtungsabstand ab – schon per definitionem, denn:

Als scharf empfindet ein Betrachter ein Bild dann, wenn Linien und Kanten klare Grenzen aufweisen. Die durch jede Optik entstehenden Unschärfekreise der Abbildung sind dann kleiner als das Auflösungsvermögen des Betrachters. (http://de.wikipedia.org/wiki/Schärfentiefe)

Nur deswegen gibt es überhaupt so etwas wie eine Schärfentiefe, also einen Bereich, den man als scharf empfindet, statt nur (physikalisch korrekt) eine singuläre Schärfen-Ebene zu sehen…

Geht man nun hin und bläst seine Digitalfotos auf dem heimischen Monitor auf 1:1-Pixeldarstellung auf, um die „Schärfe“ zu beurteilen, dann kann man eigentlich nur enttäuscht werden. Warum? Füttern wir mal den Schärfentieferechner von Erik Krause mit Daten einer typischen (?) Porträtsituation bei einer aktuellen digitalen Spiegelreflex, z. B. der Canon 450D: Eine Bildsensorgröße von 22,2 mm x 14,8 mm ergibt einen Crop-Faktor von 1,6, die Kamera liefert 4272 x 2848 Pixel (12 MP), dazu ein 55mm-Objektiv, Motiv auf ca. 2 m und Blende 8.

Schaut man sich ein etwa DIN-A4-großes Bild kritisch aus 36 cm Abstand an, „sieht“ man 32,5 cm Schärfentiefe (bewirkt einen max. Zerstreuungskreis von 0,0157 mm) – das reicht im Porträt, um die meisten Dickköpfe „scharf“ abzubilden… Geht nun ein „Schärfefetischist“ hin und schaltet auf 100%-Monitor-Ansicht – nehmen wir 17″ mit 1280 Pixel -, um sich das ganz genau anzusehen, dann ergibt sich ein errechnetes Gesamtbild von ca. 110 cm Breite (es wird ja nur noch ein Ausschnitt auf der Monitorbreite angezeigt), aber es bleibt beim gleichen Betrachtungsabstand von 36 cm. Damit schrumpft die Schärfentiefe dann auf grade mal noch 8,9 cm! Es wird zwangsläufig ein Teil des porträtierten Kopfes „unscharf“ erscheinen, selbst (bzw. gerade) wenn man korrekt scharf gestellt hatte, da ja die Schärfentiefe asymmetrisch um den Scharfstellpunkt herum liegt.

Auch „andersrum“ gibt das eine schöne Rechnung: Würde man ein solches Bild ausdrucken wollen, benötigte man dem Tool zufolge aufgrund des Vergrößerungsfaktors vom Chip zum Ausdruck rund 74 Megapixel Auflösung, um die Wahrnehmung einzelner Pixel zu vermeiden…

Ergo: 100%ige Schärfe gibt es nicht und 100%ige Darstellung auf dem Monitor entspricht dem Griff zur Megalupe auf Nasenlänge beim normalen Foto oder Print, somit wohl kaum dem „richtigen“ Schärfeeindruck! Besser bissl locker bleiben, dann hat man auch mehr Spaß am Bild 😉

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